Hier wird's wild!

Eine Entdeckungsreise im Schweizer Nationalpark

Rucksack packen und ab ins Engadin. Wilde Tiere, grandiose Berge und tolle Geschichten für zuhause.

Eine Hand voll Naturschützer aus der Schweiz leisten Pionierarbeit.

Natur pur: Was aus einer grossen Vision geworden ist
Der Nationalpark erzählt die Geschichte von Pionieren mit einer grossen Vision: Ein Stück Erde sollte unter «Totalschutz» gestellt und sich selber überlassen werden. Diese Idee erwies sich als Illusion.

Schaurige Geschichten erzählte man sich einst über den Bartgeier.

Der Aberglaube

Kinder soll er geraubt, Lämmer gefressen und Gämsen in den Tod getrieben haben. Im 19. Jahrhundert wurde manche Geschichte beim Weitererzählen reichlich ausgeschmückt. Selbst die Verantwortung nach Kindstötungen wurde dem imposanten Vogel zugeschoben. Seine Innereien, Federn und Körperteile wurden für medizinische Zwecke oder gegen böse Geister missbraucht. Der letzte Bartgeier der Schweiz wurde 1886 im Wallis abgeschossen. Zur Ausrottung trugen die zunehmende Nutzung der Gebirgsregionen durch den Menschen bei. Die Nahrung für den Greifvogel wurde knapper, ebenso sein Lebensraum. Rücksichtslos wurde der Bartgeier gejagt. In verschiedenen Regionen wurden Prämien auf seinen Abschuss ausgesetzt. Obschon er heute geschützt ist, bleibt der grosse Vogel eine begehrte Trophäe.

Die Fakten

Der Bartgeier ist ein neugieriger Vogel. Ein ausgewachsenes Tier kann eine Flügelspannweite bis 2.90 Meter erreichen. Er gehört zu den grössten flugfähigen Vögeln der Welt. Als geschickter Flieger und guter Gleiter braucht er wenig Thermik. Den Namen verdankt er den auffälligen schwarzen Federn unter seinem Schnabel. Sein Aussehen gleicht eher einem Steinadler, als einem Geier.

Männchen und Weibchen unterscheiden sich äusserlich nicht. Das hat bei Zuchtversuchen schon zu Misserfolgen geführt. Züchter bildeten unwissentlich gleichgeschlechtliche Paare. Seinen Horst baut er in schroffen Gebirgsfelsen, meist unter Felsvorsprüngen. Der Bartgeier frisst Aas und Knochenstücke. Knochen zerkleinert er, indem er diese geschickt aus dem Flug auf einen Felsen schmettert.

1991 wurden im Schweizer Nationalpark die ersten drei jungen Bartgeier ausgesetzt.

Bis 2007 setzte man 26 Bartgeier im Schweizer Nationalpark aus. Im selben Jahr wurde der erste Nachwuchs registriert. 2014 haben drei Paare erfolgreich gebrütet.

Im Grossraum des Nationalparks leben rund 20 Bartgeier, hinzu kommen Durchzügler. Die Parkverantwortlichen gehen davon aus, dass sich die Population weiter entwickelt. Darum sind keine weiteren Auswilderungen geplant.

80 Kilometer Wanderwege auf 21 ausgeschilderten Routen. Verirren geht fast nicht.

Jörg Martig hat sich einen Traum erfüllt. Seine Augen leuchten, wenn er von seinem Leben als Hüttenwart in der Cluozza Hütte erzählt. Im Juni sei es noch ruhig im Park, Besucher seien eher selten. Er hat Zeit zu plaudern. Bergführer und Schreiner sei er, aus dem Berner Oberland. Ins Engadin verschlagen hat es ihn, weil er hier die richtige Berghütte entdeckt hat.

Genau genommen sei es seine Frau Marlis gewesen. «Die wär's doch», habe sie bei einem Ausflug in den Schweizer Nationalpark gesagt. Und sie hatte wohl Recht. Seit vier Jahren führt Martig die Hütte in der Wildnis. Im Juli, wenn die Sommerferien beginnen, ist die ganze Familie hier. Bis dahin muss Jörg Martig ohne sie auskommen. Im Herbst, bei Saisonende kehren sie zusammen ins Berner Oberland zurück.

1910 wurde die Hütte gebaut. Der Zernezer Curdin Grass erstellte das Blockhaus im Auftrag der Naturforschenden Gesellschaft. Forscher und Besucher nutzten die Hütte im Sommer als Unterkunft.

Der erste Oberaufseher, Hermann Langen, wohnte mit seiner Familie jeweils im Sommer im «Wächterhaus». Vom 1. Juni bis zum ersten Schnee. So stand es in seinem Arbeitsvertrag. Das Material wurde früher zu Fuss in die Chamanna Cluozza gebracht, heute übernimmt dies ein Helikopter.

1882 Meter über Meer, schattig, der Vorplatz einladend vor dem Holzhaus. Das Wort «Garten» passt nicht richtig. Die Chamanna Cluozza wurde mit den Jahren ausgebaut und renoviert. Die Hütte bietet, neben dem Hotel auf dem Ofenpass, die einzigen Übernachtungsmöglichkeit im Park. Rund drei Stunden Marsch sind es von Zernez bis zur Hütte.

«Tiere sieht man am Hang gegenüber», sagt Jörg Martig. Mit dem Feldstecher sucht er den Berg ab. Heute sind die Gämsen nicht da. Sein Sohn Tim zeige den Gästen gerne, wo sich die Tiere finden liessen. «Er ist hier der Platzhirsch» sagt der Vater, stolz und liebevoll. Seine Augen leuchten.

«Manchmal geben wir den Tieren Namen» - Mit Parkwächtern unterwegs für die Forschung.

Neuer Sender für «Steingeiss 561» - die beiden Parkwächter Not Armon Willy und Curdin Eichholzer untergegs im Val Trupchun.
Eine wichtige Aufgabe im Frühling sind Besenderungen. Im Rahmen der Wildtierforschung im Nationalpark werden bis zu 25 Hirsche, Gämsen, und Steinböcke markiert und besendert. Ziel ist es, die Tiere möglichst lange zu überwachen und zu analysieren.

Für gross und klein: Der Schweizer Nationalpark unter einem Dach.

Die Wolfsflechte - schön anzusehen, aber hochgiftig

Grünlich gelb, faltig, verzweigt. Die Färbung kommt von der Vulpinsäure. Ein Nervengift. Früher versetzte man Köder damit, um Wölfe zu vergiften.
Das Murmeltier - Weltmeister im Energiesparen

Während ihres Winterschlafs reduzieren die Murmeltiere ihre Körperfunktionen auf ein Minimum. Zwei Atemzüge pro Minute, der Herzschlag geht von 200 auf 20 Schläge in der Minute zurück. Ihr Energieverbrauch sinkt auf weniger als 10 Prozent.
Das Schutzgebiet - Pisoc-Gruppe, aus der Val Mingèr betrachtet

1914, bei der Gründung des Schweizer Nationalparks, betrug die geschützte Fläche 138 km². In den letzten hundert Jahren wurde die Fläche vergrössert. Heute sind es 170 km². Höchster Punkt Piz Pisoc: 3173 m.ü.M. Tiefster Punkt Zernez: 1470 m.ü.M. (© M. Schwendimann)
Das Edelweiss - In der Schweizer Armee das Rangabzeichen der Generäle

Die erste gesetzlich geschützte Pflanze in der Schweiz. Busse im Nationalpark für's Pflücken: 150 Franken. Teurer ist ein Feuer entfachen: 300 Franken.
Die Ameisen - Ein Sommernest auf der Alp Stabelchod

Es gibt 350‘000 Kilo Ameisenhaufen, aber nur 240‘000 Kilo Hirsche im Nationalpark.
Waldameisen bauen eine Sommerresidenz. Überwintert wird wieder im Wald, im grossen Nest. Dieses reicht tiefer in den Boden und schützt besser vor der Kälte.
Geologie - die Spuren der Urtiere

Gletschermühlen, im Val da Stabelchod, die Alpenfaltung und Dinosaurierspuren am Piz da Diavel. (© SNP)
Der Steinbock - Um 1650 verschwand er aus Graubünden

1809 wurde der letzte Steinbock der Schweiz im Wallis geschossen. 1906 schmuggelte man Kitze aus Italien nach St. Gallen. Nach erfolgreicher Zucht im Wildpark «Peter und Paul» setzte man 1920 erste Tiere im Schweizer Nationalpark aus. Heute leben rund 300 Steinböcke im Park. (© SNP)

Impressum
Hier wird's wild! - Eine Entdeckungsreise im Schweizer Nationalpark

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)
Beatrice Weibel/Regionalredaktion Ostschweiz und Graubünden
graubuenden@srf.ch

Bilder:
SRF
Schweizer Nationalpark (SNP)
ETH-Bibliothek Bildarchiv
Staatsarchiv Graubünden

Filmmaterial:
SRF Archiv

Karten:
swisstopo

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