Spitzel, Spione und kalte Krieger

Die Schweiz vor dem Mauerfall

Eine audiovisuelle Spurensuche

Wer hat die Schweiz während des Kalten Krieges bedroht? War die Bedrohung aus dem Osten real? Oder war der Kalte Krieg gar nur eine Einbildung? Die Schweizer Armee war vor dem Mauerfall ein Massenheer von 600‘000 Soldaten. Sie hätte einen Angriff aus dem Osten abwehren sollen. Im Innern war die Angst gross vor einem Umsturz, gesteuert aus Moskau. Darum bespitzelte der Staatsschutz 900‘000 Schweizerinnen und Schweizer – und verlor darüber die Übersicht.

Radioreporter Tobias Gasser und Fotograf Stefan Maurer machen sich auf eine Spurensuche quer durch die Schweiz. Sie treffen Menschen, die während des Kalten Krieges klare Freund-Feind-Vorstellungen hatten. Wie denken diese Personen 25 Jahre nach dem Mauerfall über diese Epoche?

Ein ehemaliger Oberst erzählt, wie er die kommunistischen Truppen bekämpft hätte, und wieso er heute alte sowjetrussische Panzer sammelt. Ein Ex-Mitarbeiter des Nachrichtendienstes erklärt, wieso die Geheimdienste weltweit den Mauerfall nicht kommen sahen und was auf seiner Staatsschutz-Fiche stand. Ein ehemaliger Spitzel des Subversivenjägers Ernst Cincera erinnert sich, wie er linke Gruppen unterwanderte und dann die Seite wechselte. Die Historikerin schildert, wie sie als erste westliche Wissenschaftlerin in den Archiven der Kommunistischen Internationale in Moskau forschen durfte. Der Kalte Krieg habe aber vor allem in den Köpfen stattgefunden, sagt sie.

Der Oberst:
Thomas Hug

Das Militärmuseum Full besitzt ...

Das Militärmuseum Full besitzt ...

... eine der grössten Waffensammlungen in der Schweiz.

... eine der grössten Waffensammlungen in der Schweiz.

Thomas Hug – das Porträt

Drei Freunde. Sie sammelten Waffen und Militaria. Und einer davon war Thomas Hug. Sie taten sich 1982 zusammen, um ihre Sammlungen zusammenzulegen. Sie hatten Angst, Ehefrauen und Freunde würden sie plötzlich als Spinner bezeichnen. So kam es, dass Hug und seine Freunde ein paar Jahre später das Festungsmuseum Reuenthal eröffnen konnten. Heute lagern an mehreren Standorten Hunderte von historischen Waffen aus Ost und West, gegen 60 Panzer und Fahrzeuge in Full-Reuenthal (AG). Dazu kommen mehrere historische Bunkeranlagen. Heute ist das Militär- und Festungsmuseum in Full-Reuenthal das grösste Militärmuseum in der Schweiz.

Sicherheit: Das ist Thomas Hugs Lebensthema. Sowohl beruflich wie militärisch. Während des Kalten Kriege war Hug Kompagniekommandant bei den Panzertruppen. Er hätte mit seinen Soldaten einen Angriff aus dem Osten abwehren müssen.

1989 platzte die Fichenaffäre. Thomas Hug war damals Kripochef der Stadt Zürich, zu seinem Verantwortungsbereich gehörte auch das Kriminalkommissariat III, die Staatsschutzabteilung der Stadtpolizei. Diese belieferte die Bundesanwaltschaft mit Informationen, die dann auf den Fichen vermerkt wurden.

Wegen seiner Arbeit als Polizeichef wechselte er von der Panzertruppe zur Militärischen Sicherheit, die zuständig war für die Spionageabwehr.

Am Schluss war er im militärischen Nachrichtendienst tätig. Hug wurde im Grad eines Obersten pensioniert.

Thomas Hug erinnert sich an seinen Militärdienst.

Der Spitzel:
Ron Ganzfried

Die ehemalige Gurtenbrauerei-Wirtschaft in Wabern.

Die ehemalige Gurtenbrauerei-Wirtschaft in Wabern.

Alles begann in der alten Brauerei-Wirtschaft in Wabern (BE), am Fusse des Berner Hausbergs Gurten. Ganz in der Nähe wohnte der 16-jährige Ron Ganzfried bei seinen Grosseltern. Täglich las der Grossvater den «Bund», die Zeitung der Berner Freisinnigen. In der Schule musste Ganzfried ein politisches Tagebuch führen. Es war kurz vor der Abstimmung über das Frauenstimmrecht im Februar 1971. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 lag knapp drei Jahre zurück. Gleichzeitig rebellierte und provozierte die Jugend. Die Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung wurde immer grösser.

Die FDP-Frauen luden den Subversivenjäger und flammenden Antikommunisten Ernst Cincera in die Gurtenbrauerei-Wirtschaft. In Ron Ganzfrieds Schule machte der Lehrer Werbung für den Vortrag. Der junge Ron Ganzfried war politisch interessiert, abenteuerlustig, sah im Kommunismus eine Gefahr und wollte aktiv werden. Zusammen mit Schulkameraden ging Ganzfried an Cinceras Referat und hatte ein antikommunistisches Erweckungserlebnis.

Wir besuchen vier Jahrzehnte später den Ort, wo alles begann. Heute ist die Gurtenbrauerei Geschichte. Das Restaurant heisst «Heitere Fahne» und ist ein alternatives Kultur- und Sozialprojekt. Gerade findet ein internationales Yoga-Festival statt. Und eine Geisteraustreiberin will böse Geister ausräuchern.

In der «Heiteren Fahne» findet ein internationales Yoga-Festival statt.

In der «Heiteren Fahne» findet ein internationales Yoga-Festival statt.

Eine Geisterjägerin vertreibt böse Geister.

Eine Geisterjägerin vertreibt böse Geister.

Ron Ganzfried – das Porträt

Die USA hatten den Kommunistenjäger Joseph McCarthy. Die Schweiz hatte Ernst Cincera (1928 – 2004). Cincera besuchte die Kunstgewerbeschule Zürich und war aktiv in der jungen Partei der Arbeit (PDA). Er besuchte sogar ein sozialistisches Ausbildungslager in der Tschecheslowakei. Desillusioniert kam er zurück, holte seine Rekrutenschule nach, machte Karriere im Militär (Oberstleutnant) und wechselte politisch die Seite. Cincera arbeitete als Werber und Grafiker in Zürich. Er war Mitglied des Zürcher Kantonsrates (FDP) und später auch des Nationalrates.

Cincera war alles Linke suspekt. Er war davon überzeugt, die kommunistischen Staaten unterwanderten die westlichen Staaten. Mit Spionage, Sabotage und subversiven Aktionen wollten sie die Weltherrschaft erlangen. In der Schweiz seien die Ostblock-Staaten bereits aktiv dank der Hilfe linker Parteien und Organisationen. Als Redner reiste er durchs Land, hielt Vorträge, erklärte mit Grafiken, wie linke Gruppen mit Moskau in Verbindung standen.

Das Schweizer Fernsehen porträtierte 1977 Ernst Cincera.

Cincera baute ein Spitzelnetz auf in Bern und Zürich. Die jungen, manchmal minderjährigen Spitzel infiltrierten linke Gruppen und gaben Informationen weiter an Cincera. Informationen über Treffen, Flugblatt-Aktionen, Reisen. 1972 liess sich Ron Ganzfried anheuern, um in Bern ein Spitzelnetzwerk aufzubauen. Rund zwei Jahre lang sammelten Ganzfried und seine Freunde im Auftrag von Cincera. Ron Ganzfried erinnert sich:

Ab Mitte der 1970er Jahre gab Cincera das Bulletin «Wer Was Wie Wann Wo» heraus. Darin verbreitete er Informationen über angeblich linksextreme Personen und Organisationen. Cincera führte an der Englischviertelstrasse 22 in Zürich ein Archiv mit Hunderten von Personendossiers. Er denunzierte Personen, die ihm verdächtig waren – öffentlich und bei deren Arbeitgebern.

Ernst Cincera verfügte über beste Beziehungen in die Wirtschaft, Armee und in die kantonalen und städtischen Polizeikorps, wo seine Arbeit geschätzt wurde. Die Bundespolizei hingegen war skeptisch gegenüber seiner Tätigkeit. Diese schien der Bundespolizei dilettantisch, wurde gar als Sicherheitsrisiko betrachtet.

1976 flog das private Spionagenetz von Cincera auf. Das «Demokratische Manifest», eine Gruppe linker Aktivisten, drang in das Archiv von Ernst Cincera ein, stahl 3500 Personendossiers, wertete sie aus und veröffentlichte sie teilweise. Im Archiv fanden die Aktivisten des Demokratischen Manifests auch vertrauliche Unterlagen der Bundespolizei, der Armee, anderer Behörden, Schulen und Banken. Die Medien berichteten während Wochen über die «Cincera-Affäre».

Quellen: Aviva Gutmann: «Ernst Cinceras nichtstaatlicher Staatsschutz im Zeichen von Antisubversion, Gesamtverteidigung und Kaltem Krieg. Schweizerische Zeitschrift für Geschichte», 2013. Demokratisches Manifest (Hrsg.): «Cincera alias Cäsar. Wir waren Cinceras Spitzel», 1977. Ernst Cincera: «Unser Widerstand gegen die Subversion in der Schweiz», 1977. Demokratisches Manifest (Hrsg.): «Dossier Cincera. Dokumente und Materialien», 1976. Diverse: Archiv SRF, Wikipedia.

Ron Ganzfried macht seine Spitzeltätigkeit öffentlich.

Ron Ganzfried sprach mehrere Jahre nicht über seine Spitzeltätigkeit, bis er 1977 den Wunsch verspürte, in die Revolutionäre Marxistische Liga (RML) einzutreten, die er ein paar Jahre vorher noch bespitzelt hatte. Er musste also reinen Tisch machen. Er ging mit seiner Geschichte 1977 an die Öffentlichkeit. Ernst Cincera bestritt, Ron Ganzfried und seine Kameraden in Bern als Spitzel angeheuert zu haben.

Heute arbeitet Ron Ganzfried als Netzwerk-Ingenieur bei einer Telekommunikationsfirma. Die RML hat sich inzwischen aufgelöst. Ganzfried ist Mitglied der Grünen Partei. Wie schaut er auf diese Jahre zurück?

Der Geheimdienstler:
Jacques Baud

Die Spionage-Ausstellung im Schloss Morges (VD).

Die Spionage-Ausstellung im Schloss Morges (VD).

Jacques Baud – das Porträt

James Bond. Jack Bauer. Jacques Baud. Haben alle Geheimdienstmitarbeiter die Initialen JB? Nein, nein, sagt Baud. Das sei Zufall. Und ein Deckname sei es auch nicht. Baud lacht viel, erzählt gerne – und gibt doch wenig Persönliches preis. Auf gewisse Fragen antwortet er nicht oder nur ausweichend. Zum Beispiel auf die Frage, wo er am Tag des Mauerfalls, am 9. November 1989, war. Das will er uns nicht verraten. Dafür gibt es diese Antwort.

Jacques Baud hat an der Universität Genf Ökonometrie studiert. Von 1983 bis 1990 arbeitete er beim Schweizerischen Nachrichtendienst (Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr UNA der Schweizer Armee). Baud hat die militärische Stärke des Warschauer Paktes analysiert und war Experte für russische Kriegsführung in Afghanistan. Fünf Jahre lang hat er Russisch gelernt. Seine Ausbildung hat er beim amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA in den USA absolviert. Er ist Oberst im Generalstab. 1989 platzte die Fichenaffäre. Auch Baud war von der Bundespolizei registriert worden.

Später wechselte er ins Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA. Er koordinierte Minenräumprogramme, arbeitete als Sicherheitsberater der UNO in Genf oder leitete ein Team von UNO-Sicherheitsspezialisten im Sudan. Er schrieb mehrere Bücher über die Geheimdienstarbeit und über politische Gewalt und Terrorgruppen. Heute arbeitet er im Auftrag des EDA am Nato-Sitz in Brüssel. Was war sein grösster Erfolg als Mitarbeiter des Nachrichtendienstes? Baud gibt eine überraschende Antwort.

Der Schweizer Nachrichtendienst war im Vergleich mit ausländischen Diensten klein. Hatte er Agenten und Informanten in den Ländern des Ostblocks? Baud zögert zuerst und erzählt dann doch, wie er Informationen gewinnen konnte.

Baud betont immer wieder, die Schweiz sei auch in den Jahren des Kalten Krieges politisch und militärisch neutral geblieben. Trotz des gemeinsamen Feindes im Osten habe sich die Schweizer Armee nie in die Nato integriert. Der Schweizer Nachrichtendienst habe gerade wegen seiner Unabhängigkeit immer wieder unkonventionelle Schlüsse gezogen.

Trotzdem, auch er und seine Mitarbeiter im Nachrichtendienst haben den Mauerfall nicht kommen sehen. Im Rückblick: Welche Fehler haben die Nachrichtendienste gemacht?

Heute beschäftigt sich Jacques Baud mit Terrorismus und Terrorbekämpfung. Er kritisiert immer wieder, wie der Westen den Terrorismus bekämpft, und fordert ein Umdenken.

Ein Funkgerät, das der KGB in der Schweiz vergraben hat.

Die Historikerin:
Brigitte Studer

Literatur über Kommunismus, Antikommunismus und die Schweiz.

Literatur über Kommunismus, Antikommunismus und die Schweiz.

Brigitte Studer – das Porträt

Alles begann mit Rosa Grimm. Brigitte Studer (*1955) hat als Geschichtsstudentin ihr Lizentiat über die Frau des bekannten Schweizer Arbeiterführers und Sozialdemokraten Robert Grimm geschrieben. Rosa Grimm war eine Mitbegründerin der Kommunistischen Partei der Schweiz. So tauchte die junge Historikerin Brigitte Studer in die Welt des Kommunismus ein. Ihre Forschungsgebiete sind heute noch der Stalinismus, Kommunismus, die Geschichte der Schweizer Linken und Geschlechtergeschichte. Brigitte Studer engagierte sich in feministischen Gruppen. Sie zählt sich selbst zu der neuen Linken.

Brigitte Studer lehrt heute an der Universität Bern, sie ist Professorin für Schweizer Geschichte und Neueste Allgemeine Geschichte.

1990, ein Jahr nach dem Fall der Mauer, reiste Brigitte Studer zum ersten Mal nach Moskau. Sie suchte in Moskau im Archiv der Kommunistischen Internationalen nach Dokumenten zur Kommunistischen Partei der Schweiz KPS, die der Bund 1940 verboten hatte. Sie gehörte damit zu den ersten westlichen Forscherinnen und Forschern, die Zugang zu den Archiven und Quellen in der Sowjetunion erhielt.

Eine proletarische Revolution in der Schweiz? Nein, die Schweiz sei nie ein strategisch wichtiges Land für die Sowjetunion gewesen, sagt Brigitte Studer. Aber die Schweiz war in der Geschichte immer wieder ein wichtiger Rückzugsort für verfolgte Kommunisten. Prominentester Vertreter war Wladimir Iljitsch Lenin, der während des Ersten Weltkrieges im Exil in der Schweiz weilte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das militärische Bedrohungsbild verlagert. Die Angst vor einem Angriff aus dem Osten ist stetig grösser geworden. Der Koreakrieg (1950 – 1953), die Niederschlagung des Ungarnaufstands (1956) und des Prager Frühlings (1968) prägten das Sicherheitsgefühl der Schweizer. Laut Brigitte Studer hat die 1944 neugegründete Partei der Arbeit PDA (als Nachfolgepartei der verbotenen Kommunistischen Partei) nicht mehr den Auftrag gehabt, in der Schweiz einen Umsturz anzuzetteln.

1956 schlugen die sowjetischen Truppen den Volksaufstand in Ungarn nieder, der Unabhängigkeit und Demokratie forderte. Die Niederschlagung endete blutig, 3000 Menschen verloren ihr Leben. 1956 bezeichnet Brigitte Studer als Geburtsjahr eines Schweizer McCarthyismus, eines militanten Antikommunismus, benannt nach dem amerikanischen Kommunistenjäger und Senator Joseph McCarthy.

Nicht nur der offizielle Staatsschutz (Bundesanwaltschaft und Bundespolizei) haben im Innern vermeintliche oder tatsächliche Anarchisten, Revolutionäre und Kommunisten im Auge gehabt. Daneben haben immer auch Privatpersonen und private Organisationen linke Gruppen bespitzelt. Teilweise arbeiteten diese Spitzelorganisationen und staatliche Stellen Hand in Hand zusammen. Diese Zusammenarbeit begann rund um den Landesstreik im November 1918, als in der Schweiz die Angst vor einem Umsturz wuchs.

1968 ging die Jugend auf die Strasse. Schüler, Lehrlinge und Studenten protestierten gegen die konservative Politik, den Mief der 1950er Jahre, gegen die verkrusteten Strukturen an den Schulen und den Universitäten. Es entstanden neue linke Gruppen, die zwar das Wort Revolution im Namen trugen, die sich aber nicht mehr nach Moskau orientierten. Neue Gruppen und Bewegungen entstanden mit neuen Anliegen. Sie solidarisierten sich mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, kämpften gegen die Atomenergie und die Aufrüstung oder forderten die Emanzipation der Frau. Erneut wehte ein Hauch von Revolution durch die Welt – und durch die Schweiz.

Der KGB hat in der Schweiz Funkgeräte für den Kriegsfall vergraben. In den Archiven fanden sich Angriffspläne des Warschauer Paktes auf die Schweiz. Linke Parteien und Gruppen pflegten Beziehungen nach Ost-Berlin und Moskau. Der Westen und Osten standen mehrere Male kurz vor einem direkten Schlagabtausch (Kubakrise 1962, vermeintlicher Atomangriff 1983). War die Bedrohung wirklich nur eingebildet?

Impressum

Spitzel, Spione und kalte Krieger – Die Schweiz vor dem Mauerfall

Recherche, Audioproduktion, Texte: Tobias Gasser Fotografie, Audio-Slides: Stefan Maurer, maust.ch

Redaktion: Sibylle Winter Leitung: Marius Born

Archiv: David Simonetti Technische Unterstützung: Michael Püntener, Multimediazentrum SRF

Schweizer Radio und Fernsehen

SRF Kultur

Dokumentarfilm und Reportagen

www.srf.ch/dok